Was mich an diesem gesamten Komplex fasziniert, kann ich gar nicht so recht beschreiben:

Vielleicht ist es das unvergessliche Erlebniss über den Flughafen Tempelhof Berlin zu erreichen. Auch andere haben mir bestätigt, daß es ein besonderes Erlebnis war, die Stadt gerade auf diesem Weg anzufliegen und auf dem beeindruckenden Flugfeld auszurollen.

Zum anderen ist es vielleicht auch die spürbare Historie der Anlage. Kaum etwas beeindruckt mich so, wie die Luftbrücke, die Berlin lange Zeit am Leben hielt. So beeindruckt mich die (weitgehend) uneigennützige Hilfsbereitschaft vor allem der Amerikaner, aber auch schlicht der Umfang und die Organisation der Maßnahmen für eine zerstörte und isolierte Stadt. Für mich ist dieser Ort damit so etwas wie das Herz der Stadt geworden!

 

Da Journalisten sich besser ausdrücken können, als ein Bauingenieurstudent, greife ich auf einige Zitate aus Zeitungen zurück, die meine Gefühle ausdrücken:

 

Jürgen Tietz schrieb im August 97 im Berliner Tagesspiegel:

Rosinenbomer und Monumentales

"Der Flughafen Tempelhof gehört zur Berliner Identität. Wie steht es um die Zukunft des Bauwerks?

Worin liegt der Reiz von Tempelhof, der physische Aufregung verursachen kann, sobald man sich dem riesigen gelbgrauen Komplex nähert? ....

....stellt sich ein eigenartiges Gefühl ein, wenn man die große Abfertigungshalle, mit ihrer wundersamen architektonischen Mischung aus Nüchternheit und Repräsentation betritt. .........
Unvergessen sind die "Tage der Offenen Tür" in Tempelhof, an denen Hunderttausende staunend die Flugmaschinen der Amerikaner umwanderten, während der Duft gegrillter Hamburger in dicken Schwaden über das Rollfeld zog.
Es gibt hier eine besondere Nähe zur Architektur, zur Technik, die man spürt, wenn man die Treppe zum Flugfeld hinabsteigt und zu den Flugzeugen schlendert, über sich die Stahlkonstruktion der weit ausschwingenden Hallendächer, ... auch als Aussichtsterrassen für Flugschauen konzipiert. Spielt bei der Faszination für diesen Flughafen auch die Erinnerungen den Glamour mit, der Tempelhof überglänzte, wenn hier alljährlich mit Gary Cooper und Konsorten, die Stars der Berliner Filmfestspiele einflogen, von der Presse und den Berlinern bejubelt, um für einige Tage das Flair der großen weiten Welt vom Airport in die Stadt zu tragen?"
 
Ein weiterer Zeitungsausschnitt von 1982, von Stefan Gänsicke, beschreibt ebenfalls die Ausstrahlung Tempelhofs:

"Oben, in der großen Abfertigungshalle, wo die Koffertransportbänder still vor sich hindösen und die Gepäckwaagen unentwegt Null zeigen ist eine Putzkolonne unterwegs. Gefegt wird regelmäßig. Der Riese schläft aber man braucht nur ein paar Schalter umzulegen und alles läuft wieder.
Seltsam, wie die Berliner den Flughafen Tempelhof ins Herz geschlossen haben. Mit Tegel haben sie sich arrangiert. Ein Airport der funktioniert. Die heimliche Liebe, die hängt noch immer an den großen "Kleiderbügel, wie die Piloten den geschwungenen Tempelhofer Flughafenbau nennen, er bietet aus der Luft diesen Anblick.
Auf der Erde müßte er als riesenhaftes Dokument lupenreiner NS- Architektur eigentlich Abneigung erzeugen. aber er tut es nicht. Die Liebe geht zurück weit in die Zeit vor den Nazis, da haben Orville Wright und der Kronprinz hier Kapriolen gemacht, da hat die Lufthansa den ersten Liniendienst Europas gestartet. da hat Udet, von Tausenden beklatscht, mit der Flügelspitze Taschentücher vom Boden gelupft.
Und nach dem Krieg, mein Gott, da wurde während der Blockade die ganze Stadt über Tempelhof am Leben gehalten. Da wurde hier unser Tor zur Welt wiederaufgestoßen. So ist das NS-Baudenkmal überwölbt, eingehüllt von guter, erinnernswerter Stadtgeschichte, seine braune Zeit bleibt eine vergleichsweise flüchtige Spur.

Eine Spur freilich, an der noch immer Fabeln hängen. Gibt es die sagenumwobenen Tiefbunker wirklich, Stockwerke tief in die Erde gebaut, zugemauert. angefüllt mit Nazi-Geheimnissen? Gibt es unterirdische Hangare voll mit Me109 und FW-190?
Einer, der in Tempelhof jeden Quadratzentimeter kennt, winkt ab. Manfred Schwanke, deutscher Grundstücksverwalter des Flughafens, zu Hause dort seit 35 Jahren, führt vor, was es wirklich gibt: In der Tat einen Bahntunnel, in dem Jäger vom Typ FW 190 montiert wurden. Eine Unterwelt, die aus fast zehn Kilometern Gängen, Schächten, Tunnels besteht - aber ohne Geheimnisse.....

Aber wer die Gelegenheit hat, durch den Mammutbau zu streifen, hat Anlaß zum Staunen.
Noch heute, 46 Jahre nach Baubeginn könnten die größten Flugzeuge der Welt, die Boing 747 und die Galaxy C5A mit dem Bug bequem in die Flugsteighalle rollen <<auch heute 1997 gilt das noch>>, könnten die Passagiere dort im Trockenen aussteigen. Das eigene Wasserwerk, aus vier Tiefbrunnen gespeist, läuft seit 1938 ohne Unterbrechung, auch mit Strom und Dampf versorgt sich der Flughafen selbst.....

Heute sieht man vom Dach in der Ferne die Schafherde ziehen, vermutlich die einzige auf der Welt, über die ein <US-Administrator for Aeronautics> die <Dienstaufsicht> hat...

Aufregende Passagierzahlen sind Vergangenheit. 1971: 6,1 Millionen. Raten Sie mal, wieviel Tegel zehn Jahre später hatte: 4,4 Millionen."

 
Das Magazin für Zivilluftfahrt, die Aero International, im Juli 1997:

Quo vadis Tempelhof?

"Ein Plädoyer für den Berliner City-Airport:

Ein Ende des Berliner <Zentralflughafens> wäre ein Abschied von einem großen, wichtigen und verdienstvollen Kapitel europäischer Luftfahrtgeschichte und eine späte Brüskierung der Opfer der Luftbrücke...

...<Mutter aller modernen Flughäfen> wie es der große britische Architekt Sir Norman Foster einmal respektvoll formulierte...

Tempelhof ist die Vergangenheit vieler Berliner Bürger, die die Luftbrücke erlebt und mit ihr überlebt haben.
Das macht den Flughafen Tempelhof so lieb und teuer.

...die benachbarte Stadtautobahn viel lauter und die Emissionen der über diese breiten Betonbänder donnernden Trucks viel nachhaltiger als die Abgasfahnen der in Tempelhof startenden und landenen Turboprops, diesen mittlerweile alten Flughafen am liebsten in eine grüne Wiese verwandeln wollen, so frappierend schwach und immer wieder nur von couragierten Individualisten getragen, die sich redlich mühen, aber oft weltfremd auftreten....

Tempelhof ist ein wichtiges Stück Geschichte, ohne ihn wäre West-Berlin sowjetische Besatzungszone geworden....

Das große Spiel um Tempelhof geht weiter mit Engagement und Peinlichkeiten. Das Tauziehen ist zur Groteske verkommen, ein politisches Puzzle, das niemand mehr so recht zusammengfügen kann.
Wirklichkeitsfremde Utopisten träumen von der großen grünen Wiese, vom Naherholungsgebiet Tempelhofs mit Parks und Spielplätzen. Der renommierte Berliner Publizist Wolf Jobst Siedler träumt gar von einem Zentralpark mit Vergnügungspark...
Stadplaner und Bau-Tycoone haben dagegen die <Stadt des 21. Jahrhunderts> entwickelt, spekulieren mit kühnen Projekten und gewinnbringenden Betonburgen (dergleichen bringt mehr als Spielplätze und Grünanlagen).
Beim sozialdemokratischen Stadtentwicklungssenator Peter Strieder ruht bereits das Projekt einer <Flughafenstadt> mit 7500 Wohnungen...

Mehrheit für Erhalt von Tempelhof

Keine andere Metropole Europas hat im Sine eines effizienten stadtnahen Luftverkehrs bessere Voraussetzungen als Berlin mit seinem historischen Komplex Tempelhof, der zudem über hervorragende öffentliche Verkehrsanbindungen wie in kaum einer zweiten Hauptstadt Europas verfügt."

 
Das Magazin der Berlin Brandenburg Flughafen Holding Gate 6 im Frühling 1997:

Mythos Tempelhof

"Exerzierfeld, dann Keimzelle der deutschen Verkehrsfliegerei, später Ort der Hoffnung während der Luftbrücke und Sprungbrett aus der ummauerten Stadt:
Bei vielen Menschen wecken die gigantischen Hallen wehmütige Erinnerungen. Tempelhof - wo jeder Abflug zur Geschichtsstunde wird.
Mit etwa 200 km/h schwenkt eine AVRO RJ 85 der Hamburg Airlines auf die Landebahn des Tempelhofer Flughafens ein.
Aus der Maschine steigen überwiegend Passagiere, die geschäftlich unterwegs sind. Wegen seiner einzigartigen Lage steht der Flughafen Tempelhof bei ihnen hoch im Kurs: Die Entfernung zur Stadtmitte beträgt nur drei Kilometer. Anfahrtswege von einer Stunde und mehr, wie sie in anderen europäischen Städten üblich sind, kann man hier getrost vergesen.

Wer nach Tempelhof fliegt landet auf historischen Boden....

.... alles Übrige steht zur Vermietung. Größter Kunde von Büroraum ist derzeit der Polizeipräsident von Berlin, gefolgt von der Deutschen Flugsicherung, die von Tempelhof aus den Luftraum über den fünf neuen Bundesländern und Berlin kontrolliert. Aber auf dem Flughafen gibt es zum Beispiel auch das Revuetheater <La vie en rose>, Ausbildungsstätten der DEKRA, den Deutschen Wetterdienst, einen Kindergarten, eine Außenstelle des Bundesgrenzschutzes und zahllose kleinere Mieter. In Hangar II baut man zur Zeit ein Theater mit 1.500 P1ätzen, seit 27. Februar geht hier täglich außer montags das Musical <Space Dream> über die Bühne. Die Investitionskosten vom mehr als 10 Millionen Mark trägt der Musical-Veranstalter.

Henry Wede hat denn auch allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken:,,Unser Nutzungskonzept lautet eindeutig: Vermieten. Wir sind zwar noch lange nicht am Ziel, aber mit einer Auslastung von etwa 70% liegen wir voll auf Erfolgskurs. Viele Gebäudeteile müssen erst einmal in einen vermietbaren Zustand gebracht werden. Geflogen wird von und nach Tempelhof zur Zeit leider zu wenig." Mit der Idee, irgendwann einmal den Flugbetrieb ganz einzustellen, will sich Wede allerdings nicht anfreunden:,,Klar, Charterverkehr und weite Strecken müssen nach außerhalb verlagert werden. Aber viele Städte beneiden uns um einen so zentral gelegenen Flughafen. London hat seinen City-Airport vor ein paar Jahren erst gebaut - und wir wollen unseren demnächst zumachen? Versteh' ick nich!"

 

Natürlich gibt es für mich neben den emotionalen Gründen auch rein sachliche Gründe, die mich für Tempelhof votieren lassen.
Diese Gründe habe ich auf der Seite "Die aktuelle Diskussion" untergebracht.

Ich möchte hier nur den in meinen Augen nüchternsten Grund nennen:
Mit Tempelhof soll ein vorhandener funktionierender und angenommener Flughafen geschlossen werden, nur um seine Kapazitäten woanders neu zu erbauen, während auf dem Flugfeld von Tempelhof wieder einmal Mietwohnungen entstehen sollen.
Besser und gigantischer könnten Politiker dem Bürger wohl kaum vor Augen führen, was eine Wegwerfgesellschaft ausmacht, obwohl doch inzwischen jedem klar sein sollte, daß diese Mentalität niemanden auf Dauer weiterbringt.

 

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